Rituelle Reinigung

Dr. Bayaraa, unser Meisterschamane, lässt uns unter einem der Kraftbäume zusammenkommen. Zum Glück im Schatten; es ist ein heißer Sommertag.

Bayaraa erklärt warum wir Spirits und Ahnengeister angemessen respektieren und ehren sollten. Wir wollen ja schließlich mit ihnen zusammenarbeiten, mit dem bestmöglichen Ergebnis. Jedoch stehen diese Spirits nicht unter unserer intellektuellen Kontrolle, könnten auch verärgert werden und daraus Konsequenzen ziehen. Es sei ebenfalls nicht ratsam einen anderen Schamanen zu verhöhnen oder schlecht über ihn zu reden, da man damit dessen Ahnengeist verärgert. Auch wenn der Schamane selbst über solch einen Vorfall hinwegsehen sollte, könnte sich dessen Ahnengeist rächen wollen. Bayaraa erzählt einige Geschichten über Streitigkeiten unter mongolischen Schamanen und deren verheerende Auswirkungen in der materiellen Welt. Wir hören bestürzt zu. Es schwingt etwas mit, in seinen Worten. Hat ihn etwas verärgert? Es ist hier eine ganz andere Welt mit ganz anderen, uns fremden Umgangsformen. Da macht man unweigerlich etwas falsch…

 

Reinigung

 

Um uns zu läutern und Ungleichgewicht abzubauen folge nun eine rituelle Reinigung.

In der Mitte des Lagers wird ein Feuer entfacht und darin große Kieselsteine fast zum Glühen gebracht. Die werden dann vor der Zeremonienjurte in einen großen Kessel gelegt und mit frischem Wasser und Wodka zu gleichen Teilen übergossen dass es zischt und dampft. Büschel von Wacholder, Salbei und anderen Kräutern werden beigemengt. Ein wunderbar würziger Duft durchzieht das Camp. Nacheinander knien wir uns vor den Kessel, beugen uns darüber ohne den heißen Kessel zu berühren und werden von den Schamanenschülern mit einer Decke zugedeckt.  Das Gesicht möglichst nah an der kochenden Flüssigkeit, wie jeder es gerade noch aushält, inhalieren wir den Dampf und öffnen unsere Poren.

Sobald Bayaraa mein Gesicht ausreichend gerötet befindet, kommt der Nächste an die Reihe. Kopf und Oberkörper in der Decke eingewickelt werde ich weggeführt um mich in die Wiese zu knien, zu meditieren und dabei langsam abzukühlen.  

Ich schwitze... und schwitze. Es fühlt sich an wie wenn meine Lungen mit heilendem Kräuterdampf aufgeblasen wären und dieser alle Schadstoffe von innen heraus langsam durch die Haut herauspressen würde. Wunderbar!

Nach einer Weile ist auch die Flüssigkeit im Kessel abgekühlt. Eine der Frauen nimmt mir die Decke vom Kopf und deutet mir frische Kleidung zu holen. Hinter den Jurten haben sie eine der großen Plastikplanen, mit denen die Jurten heutzutage wetterfest gemacht werden, ausgebreitet. Ich soll mich ausziehen und mich in die Mitte stellen. Rundherum halten mongolische Frauen die Plane in die Höhe. Mit einer großen Schöpfkelle bekomme ich Sud aus dem Kessel über den Kopf geschüttet und soll mich dabei gründlich waschen. Eine herrlich erfrischende Kräutersuddusche! Ohne Abzutrocknen in die frische Kleidung.  

In den Haaren, den Ohren, unter den Achseln… Kräuteransammlungen.  

Ich dufte wunderbar frisch.

Der Haken dabei: nun dürfen wir uns drei Tage nicht mehr waschen.

 

Reinigung

 

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