Meditationen am Gipfel und in der Nacht

 

Zum Frühstück um 10 Uhr gibt es eine Art Schmalznudel, von der Köchin selbst gebacken und eine Tasse löslichen Kaffee. Dann erhält jeder pro Tag noch eineinhalb Liter Trinkwasser in Plastikflaschen. Ich bin noch etwas durcheinander von der vergangenen Nacht.  

Buggy verkündet, dass wir heute einen der umliegenden Berge besteigen werden. Ich freu mich darauf. Bayaraa geht voran, steil und weglos nach oben. Es ist heiß und wir kommen schnell ins Keuchen und Schwitzen. Zum Glück habe ich mir eine kleine Wasserflasche mitgenommen.

Am Gipfel deutet uns Bayaraa uns zu einer Meditation zu verteilen und uns die Augen zu verbinden. Dabei sollen wir nicht steif und aufrecht wie die Zen-Buddhisten sitzen, sondern entspannt, locker vornübergebeugt, mit leicht hängendem Kopf und falls es uns überkommt mit den Energien mitgehen oder mitwippen. Die Meditation dauert über 40 Minuten während derer er Maultrommel spielt. Sie vergeht wie im Flug. Wir sollen darüber ein Gefühl für die Energien dieses Ortes entwickeln, die bei jedem auch unterschiedliche Assoziationen hervorrufen, je nach dem Thema das man mitbringt. Jeder berichtet über seine Empfindungen, Bayaraa nickt wissend und kommentiert. Während der nächsten Meditations-Runde spielt einer der Teilnehmer zu Bayaraas Maultrommel zusätzlich noch Flöte.  

Was für ein wundervolles Erlebnis, diese Meditationen auf diesem Gipfel, in der Sonne, fernab von Zivilisation und Alltagsgeräuschen! Gemeinsam mit zwar noch fremden aber ähnlich spirituellen Menschen. Das hat eine unglaubliche Power, trägt mich und weckt große Energien.

Der Abstieg führt durch einen lichten Birkenwald. Zum Abendessen sind wir wieder im Camp.

 

bei Schamanen

 

Abends in der Zeremonienjurte zeigt und erklärt uns Dr. Bayaraa seine Zeremonienkleidung und seine wichtigsten Utensilien. Über einem speziellen hellbraunen Untergewand, seitlich geknöpftem Hemd und Hose, trägt er einen schweren braunen Schamanenmantel.  

An ihm hängen zahlreiche bunte wattierte Textil-Schlangen und Fransen bis zum Boden. Schlangen sind ein Symbol für die Schöpfung und die geistige Weiterentwicklung. Sie stehen für die Macht über Leben und Tod, da ihr Biss zwar tödlich sein kann, andererseits aber auch Wunder und Heilung bringen kann. An der Rückseite des Mantels sind noch viele unterschiedliche Metall-Objekte mit entsprechender Bedeutung und etliche Glöckchen befestigt, die bei jeder Bewegung mitklingen und klirren. Vor der Brust hängt der große Schamanenspiegel, der den Blick in Vergangenheit und Zukunft ermöglicht. Der Schamanenstab aus einem besonderen Holz, oder einer Wurzel, an dem Bänder und weitere Metallobjekte hängen dient zur Verteidigung gegen dunkle Mächte. Die Kopfbedeckung ist eine Art Haube aus schwarzer Baumwolle, mit Muscheln und Glöckchen bestickt, an deren Oberseite der Federschmuck befestigt ist. Darunter Adler- und Geierfedern als Symbol für Weit- und Überblick und den Kontakt zum Himmel, Rabenfedern als Symbol für das wirkliche Hören und Elsternfedern für die richtigen Worte. Dabei müssen dem Schamanen diese Federn alle zugefallen sein, aus dem Himmel sozusagen. Denn Vögel dürfen nicht gejagt werden, weil sie die Mittler zwischen Himmel und Erde seien, also zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt.

 

bei Schamanen

 

Als wir zu viele Fragen stellen schickt uns Bayaraa hinaus, wir sollten uns warm anziehen.  

Es ist inzwischen stockdunkel. Mit Stirnlampen wandern wir zu einem Pass. Bayaraa plaziert uns einzeln zwischen die Bäume am Hang und lässt uns nun dort im Stockdunklen, mit verbundenen Augen eine geraume Zeit lang meditieren. Die Geräusche der Nacht, der Wind und die aufsteigende Kälte sind neben den zwiespältigen Energien, die hier zu spüren sind, eine Herausforderung über seine Grenzen zu gehen. Später erklärt er dass dort einst ein Schlachtfeld war und dabei die mongolische Armee in einen Hinterhalt geraten war. Zahlreiche Seelen würden noch herumgeistern... 

Gegen zwei Uhr Nachts kehren wir ziemlich aufgewühlt zu den Jurten zurück.

 

in der Holzhütte  

 

 

 

 

 

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