Begegnungen

8.     Tag

Ich wache um 6 Uhr auf…noch so kalt! Aber langsam kommt die Sonne über den Berg. Das Zelt ist klitschnass, innen wie außen. Erst mal Wasser holen und filtern, dann koch ich mir eine Tüte Brokkolicremesuppe und drehe das Zelt zum Trocknen auf den Kopf.

Zuerst geht es wieder durch den kalten Bach, eine morgendliche Kneippkur. Der Rucksack ist noch immer zu schwer. Ich trotte dahin. Da liegt, wie für mich abgelegt, eine schöne Feder auf dem Weg, die Feder einer Sumpfohreule. Ein Geschenk, wie schön!

 

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Begegnungen

Ich komme zügig voran und habe nun Augen für die Schönheiten der Landschaft, die ich im Regen beim Hinweg nicht so habe wahrnehmen können. Ich bin auch nicht auf genau demselben Weg unterwegs, denn nun gelange ich zu einer kleinen Lichtung auf der ein Stein mit alten Schriftzeichen und der Darstellung einer Stupa steht.  

Es ist ja der Weg zu einem hier heiligen Berg.  

Und so führt er mich auch später zu einem großen Ovoo, einem Steinhaufen,der einen Kraftplatz markiert. Die Menschen haben an ihm Fähnchen, blaue Schärpen, Geldscheine und allerlei Erinnerungsstücke an überstandene Situationen angebracht, wie Geweihe, Seilstücke und ein Lenkrad. Ich lege einen Prismakristall dazu, als Dank für mein geglücktes Vorhaben.

Von diesem Ovoo aus sieht man zum ersten oder letzten Mal den Asralt Khairkhan, denn dann biegt das Tal ab. Ich verabschiede mich von „meinem“ Berg und wandere weiter bis ich wieder an denTereljiin komme. Ich wate durch die Fluten, und weil es gerade so schön warm ist will ich baden.  

 

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Hach tut das gut! Kaum dass ich wieder halb angezogen bin höre ich ein hier ungewöhnliches Geräusch: einen Motor! Und schon taucht ein großes Geländefahrzeug auf und jagt durch den Fluss dass das Wasser in Fontänen seitlich emporschiesst. Darinnen sechs johlende asiatische Männer. Wir schauen uns gegenseitig entgeistert an, dann ist das holpernde Fahrzeug schon im Dickicht verschwunden. Zuvor mache ich noch schnell, warum auch immer, ein Foto.  

Weil das für mich so bizarr ist.  

 

Begegnungen

 

Ich schultere meinen Rucksack und folge der Spur. Ein paar Kilometer weiter kommt mir das Fahrzeug wieder entgegen. Nun ganz langsam. Die Kerle sind nun vermummt und mustern mich mit bohrenden Blicken. Ich winke, etwas unsicher, das Zeichen hier, dass alles ok ist und gehe weiter. Mir wird jedoch etwas mulmig.

Eine Stunde später eine weitere Begegnung: Zwei junge Mongolen auf ihrem Geländemoped. Sie halten und reden auf mich ein…mongolisch. In Zeichensprache erkläre ich ihnen auf dem Berg gewesen zu sein, allein, dass ich aus Germany sei und mein eigenes Zelt dabei hätte.  

Da hätten sie großen Respekt. Sie seien beide aus Terelj und hätten heute frei. Stimmt, es ist Sonntag! Wir gestikulieren und lachen. Ich darf sie fotografieren, dann brausen sie über die Wiesen davon.

Begegnungen

 

Ich wandere noch ein paar Kilometer durch lichtes Buschwerk und Blumenwiesen weiter bis ich an Wasser komme, ein kleiner Bach. Auf der Anhöhe daneben schlage ich mein Zelt auf. Der Wassersack ist leer, also gehe ich zum Bach, balanciere über die Kiesel in die Mitte, wo das Wasser am klarsten ist und hocke mich zum Abfüllen hin. Da höre ich wieder Motorengeräusch. Ich ducke mich und bin gut von Büschen verdeckt als das Fahrzeug den Bach durchfährt und an meinem Zelt stehen bleibt. Die Männer steigen aus. Ich kann ihre Stiefel durch die Äste erspähen. Sie reden, gehen zu meinem Zelt, rufen, reden…eine kleine Ewigkeit. Ich tu keinen Mucks und warte. Endlich steigen sie wieder ein und fahren fort. Ich bleibe im Bach bis ich wirklich nichts mehr höre. Schnell bin ich beim Zelt…mein Gepäck, mein Geld, Ausweis…alles da. Puh! Da bemerke ich meine Fotokamera, die ein paar Meter entfernt im Gras liegt.  

Mir wird anders… meine Fotos!!! Aber, alles noch da. Sie haben aber extra nachgesehen, denn auf dem Monitor ist das Foto, das ich von ihrem Auto gemacht hatte… Womöglich waren das Wilderer und hatten Angst, ich hätte Beweismaterial??? Während ich mir etwas zu Essen koche kreisen meine Gedanken um diese seltsame Begebenheit und dabei denke ich mir alle möglichen Geschichten aus.  

 

Begegnungen

 

Ich habe hier in der Natur auch mutterseelenallein keine Angst. Ich habe Respekt vor der Natur, vor allen Tieren, Pflanzen, Steinen und dem Wasser. Ich weiß, ich darf mich nicht verletzen, genau wie jedes Tier hier. Denn das wäre womöglich fatal.

Aber die Menschen, die sind so unberechenbar! Vor denen habe ich, nunja, keine Angst, aber ein großes Misstrauen, Furcht.  

Ich spanne zu meiner Beruhigung eine Schnur ums Zelt mit ein paar Metern Abstand, und befestige daran kleine Glöckchen. So werde ich hoffentlich gewarnt, wenn nachts jemand darüber stolpern sollte, und lege meine Stöcke neben mich ins Zelt. Diese Nacht schlafe ich nicht besonders gut.

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9. Tag   Steppentaiga   

 

 

 

 

 

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